“Psychisch labiler Zustand”

Zitat aus “Trierischer Volksfreund” vom 29.07.2017:

Aber warum soll Tanja Graef vom Sommerfest durch den Wald alleine auf den Felsenweg gegangen sein? Und wie kam es schließlich zu dem tödlichen Absturz? Fragen, auf die auch die Ermittler keine definierten Antworten haben, auf die auch die Ermittler keine Antworten haben, wie der leitende Oberstaatsanwalt am Mittwoch einräumte.

Dafür zitiert Peter Fritzen das Gutachten einer Psychologin des LKA, in dem steht, dass sich Tanja in jener Nacht ein einem “psychisch labilen Zustand befunden haben dürfte”.

Der Grund: Ein Kommilitone, in den sich Tanja offenbar kurz zuvor verguckt hatte, habe es vorgezogen, den Abend lieber mit Freunden ausklingen zu lassen.

Mit dem jungen Mann, der zu diesem Zeitpunkt schon wieder in der Trierer Innenstadt war, hatte Tanja in der Nacht ihres Verschwindens um 04:13 Uhr noch telefoniert. Es war ihr letztes Lebenszeichen.

War sie so geknickt und alkoholisiert, dass sie zu dem beliebten Aussichtspunkt auf den Roten Felsen ging und die Gefahr unterschätzte, wie es die Psychologin für denkbar hält?

Quelle: https://www.volksfreund.de

Christian Steffen hat sich zu dem psychiatrischen Gutachten geäußert:

Traurig

Zum Artikel “Fall Tanja: Letzte Zweifel bleiben” (TV vom 29. Juni):

Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Polizei die Ermittlungen im Fall Tanja Gräff einstellen würde. Insofern habe ich hier mit keiner Überraschung mehr gerechnet. Es ist jedoch traurig zu lesen, in welch absurde Richtung die “Ermittlungen” zuletzt abgedriftet sind.

Da kommt auf einmal ein psychologisches Gutachten auf, welches Tanja einen labilen Zustand attestiert. Und aufgrund einiger kleiner Fläschchen Berentzen, die neben Tanjas Überresten gefunden wurden, wird plötzlich ein Verdacht laut, sie wäre möglicherweise “stark alkoholisiert” gewesen (wenn Sie einmal nachrechnen, entsprechen zehn Fläschchen des Likörs in etwa einem Viertelliter Rotwein).

Es ist beschämend, wie hier versucht wurde, mit allen Mitteln der breiten Öffentlichkeit eine plausible Erklärung unterzujubeln.

Ich selbst habe Tanja am Abend ihres Verschwindens auf dem Sommerfest der Hochschule getroffen. Ich kann Ihnen sagen, dass sie alles andere als labil wirkte. Tanja war an diesem Abend gut gelaunt und hatte Spaß – genau so, wie wir sie all die Jahre zuvor kannten und genau so, wie man es auf einem Sommerfest jedem Teilnehmer wünscht. Niemand aus Tanjas Freundeskreis hätte sie auch nur im Geringsten als psychisch labil betrachtet, und diese Theorie wurde (zumindest nach außen hin) auch nie als realistisch betrachtet.

Es ist erstaunlich, dass nun plötzlich eine Psychologin, die weder Tanja kannte noch mit ihren engsten Freunden gesprochen hat, ein solches Urteil fällt.

Den Ort, an dem Tanja ums Leben kam, als “beliebten Aussichtspunkt” zu bezeichnen, halte ich für fraglich. Hätte das nicht in dem Volksfreund-Artikel gestanden, wüsste ich das bis heute nicht. Auch Tanja hat diesen Ort nie zuvor erwähnt. Ob sie also alleine und aus eigenen Stücken dort hingegangen ist? Die Antwort auf dieser Frage überlasse ich den Lesern.
Warum kann unsere Rechtsinstanz nicht einfach akzeptieren, dass dieser Fall auch nach zehn Jahren ungelöst ist?

Das ist in keiner Weise befriedigend, aber ich empfinde es als respektlos, dass diese Thesen nun zum Abschluss so öffentlich im Raum stehen.

Christian Steffen, ein sehr guter Freund von Tanja Gräff, Bad Tölz

6 Kommentare

  1. admin

    Das ist die Begründung, den Fall einstellen zu können – laut Gutachten war Tanja am frühen Morgen gegen 04:30 Uhr “psychisch labil” und “möglicherweise stark alkoholisiert”. Hinzu kommt das rechtsmedizinische Gutachten, wonach aller Wahrscheinlichkeit nach, Tanja lebend den Felsen hinunter gestürzt ist. Anhand eines geschlossenen Gürtels wurde eine Sexualstraftat ausgeschlossen.

    Es war also entweder ein Unfall oder ein Selbstmord – und diese Annahme steht seit 2017 im Raum. Und da wird sie auch stehen bleiben, die Ermittlungen sind abgeschlossen.

    In den ersten Aufnahmen, die kurz nach dem Verschwinden von Tanja gemacht worden sind, wurde Tanja als “lebensfroh”, “lustig”, “Kumpel-Typ” beschrieben. Ein Mensch “der sich Zeit nahm für andere”, ein Mensch der seine “Zukunft geplant” hatte. Und nun soll eine “Abfuhr” eines jungen Mannes, den Tanja noch gar nicht so lange gekannt hat, diese Abfuhr soll Schuld zu einem “psychisch labilen Zustand” geführt haben? Tanja war zum Zeitpunkt ihres Verschwindens 21 Jahre alt und studierte auf Lehramt an der Uni Trier. Weiter betreute sie Jugendgruppen während Freizeiten und sie war sportlich aktiv als Bogenschützin.

    Was ich damit sagen möchte – Tanja war keine 16 Jahre mehr alt und ich denke, durch ihre sozialen Kontakte, auch gereift. Hier wurde von Seiten der Staatsanwaltschaft, so scheint es, ein Konstrukt an die Öffentlichkeit gegeben, um nicht weiter ermitteln zu müssen. Ob es denn wirklich so gewesen ist, kann nicht bestätigt und auch nicht dementiert werden – man nimmt es an.

    Was man aber auf gar keinen Fall hierbei vergessen soll ist die Aussage des Zeugen Tim. Tanja fragte ihn gegen 04:00 Uhr nach dem schnellsten Weg in die Trierer Innenstadt. Ja, kurze Zeit später, gegen 04:13 Uhr am Drachenhaus, wirkt Tanja nach einem erneuten Telefonat mit ihrem Bekannten verärgert. In diesem Telefonat könnte er ihr mitgeteilt haben, dass es sich nun doch nicht mehr mit ihr treffen möchte… und das macht Tanja sauer – das sie weint, schluchzt, schreit, davon berichtet der Zeuge des Sicherheitsdienstes nichts. Und dann sind da noch die beiden Männer, die wiederholt in Tanjas Nähe ausgemacht worden sind.

    Würde man eine Waage nehmen und in die eine Waagschale die Psyche und den Alkohol und in die andere Waagschale die Innenstadt, den Weg bis zur Absturzstelle bei Dunkelheit und die Männer legen, dann wäre die Waage nicht ausgeglichen – man muss sich also in der Tat fragen, warum die Ermittlungen hier eingestellt worden sind mit Annahmen, die niemand belegen kann….

    Bernd Michels hatte damals gesagt, dass man nicht die Nadel suchen würde, man würde den Heuhaufen suchen. An dieser Aussage hat sich bis heute nichts geändert.

    Thorsten Rink, Meckenheim

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  2. Bernd Hoffmann

    Ich beschäftige mich schon länger mit dem Fall und was mir unter den vielen Merkwürdigkeiten auffällt ist, dass bei Tanja immer nur von männlichen Freunden die Rede ist. Hatte Tanja keine beste Freundin, der sie vielleicht etwas anvertraute, z.B. wegen des neuen Freundes oder bezogen auf den Fremden (“Lass Tanja in Ruhe!”), dass ihr jemand schon länger jemand auf den Wecker geht?

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    • admin

      Hallo Bernd und vielen Dank für Deinen Beitrag! Soweit ich weiß, gibt es da in der Tat diese “Beste Freundin” und mit dieser sprach Tanja wohl über ihren neuen “Schwarm” – jedenfalls kann ich mich daran erinnern, mal etwas in dieser Richtung gelesen zu haben. Die Überlegung, dass es da vielleicht jemanden gegeben haben mag im Vorfeld schon ist gut, aber man kann wohl inzwischen davon ausgehen, dass es nicht zu solchen Gesprächen gekommen ist. Man hatte ja immer die Vermutung, dass der Unbekannte am Getränkewagen – der, der Tanjas Begleiter so schroff angegangen ist – jener Spitzbart aus derselben Musikband gewesen ist, wie Tanjas “Schwarm” – leider konnte das bis heute nicht belegt werden. Fakt ist, der Unbekannte vom Getränkewagen muss Tanja gekannt haben.

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      • Bernd Hoffmann

        Hallo admin,
        erstmal vielen Dank für deine Antwort. Ich habe mir gestern mal die Pressekonferenz von den Ermittlungsergebnissen angeschaut und war verwundert – soweit ich das richtig verstanden habe – dass der Gerichtsmediziner und die Ermittler davon ausgehen, dass Tanja vor dem Zaun abgestürzt ist und davon ausgegangen wird, dass sie sich dort freiwillig aufgehalten hat. Ich habe mir die Stelle angeschaut und niemand würde dort über den Zaun klettern, weil die Absturzgefahr viel zu groß ist. Der Fall ist jetzt, wenn ich das richtig verstanden habe, ein “ungeklärter Unglücksfall” und damit wohl kein “Cold Case-Fall” mehr, was wohl bedeutet (da bin ich mir aber nicht sicher), dass der Fall dadurch nicht mehr nach ein paar Jahren wieder aufgerollt wird. Das größte Rätsel bleibt auch für mich nach wie vor dieser “Lass-die-Tanja-in-Ruhe”-Typ. Und natürlich der “Spitzbart”, der sich ja wohl bei der Vernehmung in Widersprüche verwickelte. Ich werde mich jetzt erstmal wieder in den Foren weiter durch den Fall wuseln und dann mal alles sondieren:
        Viele Grüße nach Trier
        Bernd

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        • Thorsten

          Hallo Bernd!

          Zu dem Weg vom Campus bis hin zur Absturzstelle kannst Du Dir mal hier auf der Seite unter https://derfalltanja.de/offene-fragen/der-weg-zur-absturzstelle/ meine Einschätzung anschauen. Ich persönlich kann der offiziellen Schlussfolgerung keinen Glauben schenken:
          Es ist dunkel, und in dieser Dunkelheit soll Tanja den Weg bis hin zur Absturzstelle gegangen sein? Und dann soll sie noch über den Zaun gestiegen sein? Warum? Weil sie ärgerlich gewesen ist über ihren Schwarm und wie dieser mit ihr umgegangen sein soll?

          Tanjas Fall ist zu den Akten gelegt worden – er gilt als abgeschlossen ermittelt. Da man zu einem Ergebnis gekommen ist wird sich keine nach x Jahren dort diese Akten erneut anschauen ohne einen erneuten Verdacht.

          Unserer Meinung nach gibt es genug Fragen die wichtig sind, zu denen es aber keine Antworten gibt. Man erklärt vieles aufgrund eines labilen psychischen Zustandes für den es allerdings nicht einen Beweis gibt. Man muss sich fragen, wenn jemand zu einem solchen Verhalten neigt, ob es sich nicht schon im Vorfeld gezeigt haben müsste.
          Auch wenn ich Tanja nicht persönlich kennengelernt habe denke ich, aufgrund den Angaben, die man über sie lesen konnte, dass Tanja alles andere gewesen ist als psychisch labil.
          Aus welchem Grund sich die ermittelnde Behörde mit dieser Schlussfolgerung zu frieden gegeben hat kann ich leider nicht beantworten, verstehen tue ich es nicht!

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  3. Bernd Franco Hoffmann

    Hallo Thorsten,
    ich glaube auch, dass Sie niemals über den Zaun gestiegen ist, auch aus den von dir genannten Gründen. So besoffen kann keiner sein und Tanja gehörte nicht zu den Menschen, die so unvernünftig gewesen wäre.
    Es gibt eigentlich nur noch drei Chancen, den “Fall” zu lösen:
    1) Den Spitzbart nochmal vernehmen und nochmal seine Widersprüche und Alibis abklopfen
    2) Irgendeiner aus dem Umfeld des “Lass-die-Tanja-in-Ruhe”-Typen meldet sich noch oder der Typ selbst
    3) Die “Gebüschler” melden sich (In dem Zusammenhang verstehe ich nicht, warum in XY gesagt wurde, dass die Gruppe gekifft hat, sowas schreckt doch potentielle Zeugen ab), dann wüsste man vielleicht auch, ob es sich bei der rothaarigen Frau um 5 Uhr wirklich um Tanja handelte.
    Ansonsten sehe ich leider ich wenig Chancen, die Hintergründe zu Tanjas merkwürdigen Tod aufzuklären, was für mich auch der menschlich nachvollziehbare Grund ist, warum der Fall geschlossen wurde. Die Ermittler haben vermutlich keine Lust mehr auf diesen Fall, weil die Erfolgsaussichten einer Aufklärung so gering geworden sind. Man hätte die Leiche eben viel früher finden müssen.
    Viele Grüße aus Köln
    Bernd

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